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Liebe Gegenwart, es ist eine Weile her, dass ich dir das letzte Mal geschrieben habe. Entschuldige, ich musste viel über die Zukunft nachdenken. Ist dir auch schon aufgefallen, wie sie immer gleich weit entfernt bleibt? Neue Technologien, Migrationswellen, soziale Innovationen oder wirtschaftliche und soziale Krisen verändern ständig, wie wir uns die Zukunft vorstellen. Das gilt natürlich auch für die Arbeit. 2047 sprechen wir noch immer über «New Work», obwohl wir eure Ideen von damals längst umgesetzt oder verworfen haben.

[Post aus der Zukunft] von Dr. Joël Luc Cachelin

Beginnen wir doch mit ein paar Fakten. Heute, im Jahr 2047, arbeitet der überwiegende Teil von uns in Dienstleistungs- und wissensintensiven Berufen. Die Roboter haben so erstaunliche Fähigkeiten erlangt, dass man auf dem Acker und in den Fabriken kaum noch Menschen sieht. Aber ich kann dich beruhigen: Viele Befürchtungen eurer Zeit sind nie Wirklichkeit geworden. Weder haben die Humanoiden und die Künstlichen Intelligenzen eine Massenarbeitslosigkeit provoziert, noch existiert ein Metaversum, in dem sich das ganze Leben abspielen würde. Allerdings würden dir drei grosse Veränderungen sofort auffallen:

  • Das Büro ist für Wissensarbeitende nicht mehr der wichtigste Arbeitsort. Per Default arbeiten wir nun entweder zu Hause oder in einem Co-Working-Zentrum in unserem Wohnort. Die meisten von uns gehen übers Jahr verteilt ein bis zwei Tage pro Woche ins Büro.
  • Asynchrones Arbeiten geniesst den Vorzug gegenüber synchronem Arbeiten. Statt in Sitzungen und Workshops entwickeln wir via E-Mail, digitalen Plattformen und kollaborativ bearbeiteten Dokumenten. So müssen nicht alle gleichzeitig anwesend sein. Arbeit ist dadurch nicht nur integrativer, sondern auch effizienter geworden.
  • Rund 80 Prozent der Bevölkerung arbeiten in einer Vier-Tage-Woche mit 100-Prozent-Bezahlung. Arbeitswelten haben sich deshalb als Orte der Synchronisation etabliert. Neben sozialen Aspekten treffen wir uns, um vorbereitete Ideen und Arbeitsstände abzustimmen.

Das Ende der Bürokathedralen

Das Zeitalter der Bürokathedralen ist definitiv vorbei. Ausser den grossen Unternehmen betreibt kaum noch jemand ein eigenes Büro. Der Regelfall sind Hubs, bei denen sich mehre KMU ein Gemeinschaftsbüro teilen. In diesen hat niemand mehr einen fixen Arbeitsplatz und die Unternehmen teilen sich einen Grossteil der Fläche. Das spart Kosten und ist ökologisch, weil nicht alles mehrfach beschafft werden muss, beziehungsweise die Büros weniger leer stehen.

Das geteilte Angebot umfasst neben Sitzungszimmern, Rückzugsräumen und Kreativ-Spaces ein gastronomisches Angebot, inklusive Barista. Durch die Verbreitung der zentral gelegenen Arbeitshubs ist die Zunft der Bürogestaltenden mittlerweile eng mit der Community der Stadtentwicklung zusammengewachsen. Unternehmen haben begriffen, dass sie den Mitarbeitenden mehr bieten müssen als eine mittelmässige Arbeitsfläche, damit diese den Stress des Pendelns auf sich nehmen. Angebote, die den Ausschlag für das Pendeln machen, sind etwa eine attraktive Gastronomie, der Zugang zu medizinischen Dienstleistungen, zu einem richtig guten Coiffeur, Fitness und Wellness oder die Möglichkeit, zu Fuss kurz die täglichen Dinge einzukaufen.

Die Arbeitsfläche versteht man heute noch mehr als Visitenkarte, die in Sekunden deutlich macht, wie in einem Unternehmen gearbeitet wird. Sie hat eine ästhetische Ebene, auf der Farben und Formen Stimmungen und die Anschlussfähigkeit an zeitgenössisches Design ausdrücken. 2047 achten Unternehmen aber mindestens so auf die Werte, die Arbeitsumgebungen ausdrücken. Geschredderte Recyclingmaterialien oder Baustoffe aus der Umgebung illustrieren, dass man es mit der Nachhaltigkeit ernst meint. Arbeitshubs werden heute übrigens kaum noch neu gebaut, sondern sind meist in umgenutzten Gebäuden unterbracht. So ist die Bauwirtschaft nicht mehr für 80 Prozent der Abfälle verantwortlich, wie es zu eurer Zeit der Fall war, sondern nur noch für die Hälfte.

Was ein Arbeitsort bieten muss

Wegen der Arbeit alleine kommen wir nicht ins Büro. Es geht vielmehr um inspirierende Erlebnisse, um den sozialen Zusammenhalt, um das Aufbauen von Vertrauen.

Um mich auf diesen Brief vorzubereiten, habe ich etwas in der Vergangenheit gestöbert. Ein Zitat des Arbeitspsychologen Hartmut Schulze ist mir besonders in Erinnerung geblieben: «Die Aufgaben der Wissensarbeit erfordern sowohl Deep Work als auch Deep Collaboration.» Um diese Anforderung umzusetzen, orientieren sich viele Arbeitgebende heute an einem 4-Zonen-Modell. Die Zonen sind metaphorisch aufgeladen und erinnern an: 

  • eine Hotellobby (um einfachen Arbeiten nachzugehen und sich auszutauschen),
  • ein Zimmer einer Psychotherapeutin (um intensive Gespräche zu führen),
  • ein Atelier (um kreativ zu wirken) und
  • eine Bibliothek (um sich zu konzentrieren beziehungsweise mit Büchern und Generativen KIs zu sprechen).

Bei der Realisierung der Räume achten wir noch mehr als zu eurer Zeit auf die Gesundheit, zumal man in den Hubs regelmässig auf über 80-Jährige trifft. In der physisch-haptischen Dimension der Räume verlangt die Gesundheitsmaximierung auf die Luftfeuchtigkeit zu achten und, wann immer möglich, mit unbehandelten Materialien und nicht zu sterilen Oberflächen zu bauen. Wir verstehen Gebäude als Teil der lebendigen Umwelt, die sich nicht positiv auf das menschliche Mikrobiom auswirken soll. Weil Architektinnen stark an die «grüne Pille» glauben, setzen sie die Dachgärten und Parks um die Bürohubs genauso sorgfältig um. Wissensarbeitende sollen Zugang zur Natur haben, sich erholen und in ihren Pausen Distanz nehmen können.

Neue Rollen im «Newest Work»

Erinnerst du dich noch an die goldenen New-Work-Zeiten? Als alle ihre Büros neu gestaltet haben und über die Zukunft der Arbeit debattierten? Im Dienste der Progressiven sollten die Räume als trojanische Pferde auch die neuen Organisationsformen und Kulturen des Zusammenarbeitens verändern. Aber allzu oft blieb «New Work» ein schönes, nettes Pferd, das gar nichts verändern konnte. Ein Hauptgrund war der Konservatismus der Führungskräfte. Sie wollten weder die Kontrolle noch ihre Privilegien verlieren, nicht ihre Machtmonopole, nicht ihre Eckbüros.

Um dieser Verkürzung von New Work entgegenzuwirken, haben sich mehrere New-Work-Rollen etabliert. Zu diesen gehören beispielsweise:

  • Exnovations-Minister:innen: Werden dafür bezahlt, Innovationen, die sich als schädlich herausgestellt haben oder sich sonst nicht mehr bewähren, aus der Organisation zu entfernen.
  • Augmented Reality Engineers: Laden den Raum mit intelligenten Technologien auf – etwa mit smarten Mikrophonen, die Sitzungen zusammenfassen.
  • Mastery-Professor:innen: unterstützen Mitarbeitende in der persönlichen Weiterentwicklung in ihrer beruflichen Funktion, zum Beispiel durch Vernetzung, Coachings oder Shadowing.

Vielleicht gefällt dir eine dieser Rollen und du willst schon heute die Zukunft vorwegnehmen? Ich jedenfalls muss jetzt leider gehen. Ich habe am Abend Besuch und will noch einen Kuchen backen. Aber ich werde dir schon bald wieder schreiben und dir davon berichten, wie wir heute mit Künstlicher Intelligenz zusammenarbeiten.

«Wegen der Arbeit alleine kommen wir nicht ins Büro. Es geht vielmehr um inspirierende Erlebnisse, um den sozialen Zusammenhalt, um das Aufbauen von Vertrauen.»
Dr. Joël Luc Cachelin

Erstmals veröffentlicht am: 3.4.2025
 

Autor:in: Dr. Joël Luc Cachelin

Zur Person

  1. Dr. Joël Luc Cachelin (1981) ist ein Schweizer Futurist. 2009 gründete er die Wissensfabrik, um Unternehmen in Zukunftsfragen zu begleiten und zu beraten. Sein Wissen bringt er in Expertengremien ein, darunter in die Beiräte des Staatslabors und des Besuchszentrums der Schweizerischen Nationalbank. Grundlage seiner Arbeit bildet ein Wirtschaftsstudium an der Universität St. Gallen. 2021 schloss er sein Zweitstudium mit einem Master in Geschichte an der Universität Luzern ab.

  2. Die Wissensfabrik inspiriert, begleitet und berät in Zukunftsfragen. Sie bietet Studien, Buchprojekte, Vorträge, Beratung und die Mitarbeit in Entwicklungs- oder Innovationsprojekten an. In der Wissensfabrik entstehen Bücher. Zuletzt: «Update_25 Wie Künstliche Intelligenz gesellschaftlichen Wandel anstösst» (Stämpfli, 2025).

Eine Kolumne aus der Zukunft

Im Auftrag des Kaufmännischen Verbands Schweiz hat sich der Schweizer Futurist und Gründer der Wissensfabrik Dr. Joël Luc Cachelin mit unseren Fokus-Themen auseinandergesetzt. Um die Trends aus dem Hier und Jetzt besser zu verstehen, wagt er eine Expedition ins Jahr 2047 und bricht unsere traditionellen Denkmuster auf. Die Kolumne [Post aus der Zukunft] wurde viermal im Laufe von 2022 publiziert und wird im Jahr 2025 weitergeführt. 

Für den Kaufmännischen Verband Schweiz steht fest: Egal was die Zukunft bringt, wir stehen unseren Mitgliedern sowie Arbeitnehmer:innen im kaufmännisch-betriebswirtschaftlichen Bereich und im Detailhandel tatkräftig zur Seite und begleiten sie durch die Zeitreise.

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